23/01/2026
Sehr geehrter Herr Abgeordneter Strasser,
Sie sprechen sich öffentlich regelmäßig für mehr Transparenz bei der Herkunft von Lebensmitteln aus. Umso schwerer nachvollziehbar ist Ihr Abstimmungsverhalten im Nationalrat am 28. Februar 2024, als ein Antrag zur Umsetzung einer umfassenden Lebensmittel-Herkunftskennzeichnung abgelehnt wurde – auch mit den Stimmen Ihrer Fraktion.
Ich schreibe Ihnen als Landwirtin.
Als solche bin ich verpflichtet, für sämtliche Futtermittel meines Betriebes die Herkunft lückenlos zu kennen und zu dokumentieren. Diese Verpflichtung gilt national, sie ist kontrollierbar – und sie funktioniert.
Wenn Herkunft bei Futtermitteln auf nationaler Ebene möglich und zumutbar ist, stellt sich eine einfache Frage:
Warum soll genau diese Transparenz bei Lebensmitteln für Konsumentinnen und Konsumenten plötzlich nicht umsetzbar sein?
Vor wenigen Tagen haben Sie erneut öffentlich für Herkunftskennzeichnung geworben. Das halte ich grundsätzlich für richtig.
Was ich jedoch als politisch widersprüchlich empfinde, ist die Abfolge der Entscheidungen:
Seit Jahren fordern Bäuerinnen, Bauern und Konsument:innen eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung, zuletzt deutlich untermauert durch ein Volksbegehren.
2024 wurde ein entsprechender Antrag im Nationalrat abgelehnt.
Nun wird erneut öffentlich dafür geworben.
Diese Diskrepanz zwischen öffentlicher Kommunikation und parlamentarischem Handeln ist erklärungsbedürftig.
Gerade im Lichte der laufenden Diskussionen rund um das Mercosur-Abkommen wird eine klare Herkunftskennzeichnung noch dringlicher. Wenn künftig mehr Lebensmittel aus Drittstaaten mit völlig anderen Produktionsstandards auf den Markt kommen, ist Transparenz kein „Nice to have“, sondern eine Grundvoraussetzung für faire Kaufentscheidungen und für den Schutz der heimischen Landwirtschaft.
EU-Recht verbietet keine Herkunftskennzeichnung. Mehrere Mitgliedstaaten haben nationale Regelungen umgesetzt, Österreich selbst kennt sie bereits in öffentlichen Küchen. Vor diesem Hintergrund überzeugt das Argument, eine nationale Lösung sei grundsätzlich nicht möglich, nicht.
Ich erwarte mir daher keine allgemeinen Bekenntnisse, sondern eine klare politische Antwort:
Handelt es sich tatsächlich um ein rechtliches Problem – oder um eine bewusste politische Entscheidung, diese Transparenz bislang nicht umzusetzen?
Als Landwirtin, die täglich Verantwortung für Herkunft, Qualität und Nachvollziehbarkeit trägt, wünsche ich mir dieselbe Konsequenz auf politischer Ebene.
Mit freundlichen Grüßen
Marlene Perndorfer
Landwirtschaftsmeisterin