28/01/2025
cfj, epistel #365
Sooß, 2025-01-27
An den Ex-Gemeindestier
Betrifft: Der Gemeindestier
Hochwohlgeborener,
ich habe mich sehr gefreut, Dich seit längerem wieder einmal zu sehen, bei der Gemeinderatswahl, bei guter Gesundheit, wir mir scheint, inmitten der Wahlkommission, was gesichert ist, und auch bei recht guter Laune, wie es schien, wobei sich Deine mir gegenüber geoffenbarte Laune recht deutlich von der Laune der anwesenden Mitglieder der Mehrheitsfraktion unterschieden hat, weil die alle mehr oder weniger angespannt und wenig gut gelaunt in die Gegend geschaut haben, was man verstehen muss, wenn nur die Hälfte der Geschichten stimmt, die man so hört, was wir gerne an anderer Stelle einmal erörtern werden.
Ich nehme einmal an, dass sich nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses die Launen etwas verschoben haben, während die von Dir angeführte Bürgerliste etwa halbiert worden ist, hat die bürgerliche Mehrheitsfraktion gegen den allgemeinen Trend etwas zulegen können, die Sozialisten pendeln seit einigen Wahlen konstant zwischen 84 und 91 Wählern, es blieb die Überraschung also aus, überraschend schlecht und gegen den allgemeinen Trend hingegen haben die Freiheitlichen abgeschnitten, was mich aber nicht besonders gewundert hat.
Nachdem ich ein Zuagraster bin und kein Eingeborener, habe ich einen kurzen Blick auf die bisherigen Ergebnisse Deiner Bürgerliste richten müssen, um zu erfahren, dass die Liste bei ihrem ersten Antreten im Jahr 2010 ziemlich genau ein Viertel aller Stimmen im Dorf eingesammelt hat, etwa 200, dass sie im Jahr 2015 ziemlich genau zwei Fünftel der Stimmen eingesammelt hat, etwa 300, und dann kamst 2020 Du als Listenführer, was ich damals schon hautnah miterlebt habe, weil ich zu der Zeit die Greißlerei geführt habe. Dir sind von den 300 Stimmen Deines Vorgängers wieder rund ein Drittel verloren gegangen, unter dem Strich wiederum knapp 200, was ich damals in Kenntnis des Dorftratsches und der allgemeinen Stimmung entlang der Hauptstraße vorweg recht genau prognostiziert habe. Straße aufwärts abwärts hat man sich darüber alteriert, dass es sich für einen Spitzenkandidaten mit Bürgermeister-Ambition nicht ziemt, während das Wahltages in Bali seine Zehen ins warme Wasser der Java-See zu halten und sich von der mitgereisten Dorfschönheit die Cocktails von der Bar nachtragen zu lassen, derweilen es im heimatlichen Dorf statt warmem Wasser kalte Winterluft und statt Cocktails an der Bar Gspritzte beim Heurigen gibt, was ja doch ein Unterschied ist, durchaus geeignet, Unverständnis und Neid zu schüren.
Es wird auch eine Rolle gespielt haben, dass du zehn Tage vor der Wahl in Konkurs gegangen bist, auch wenn der Konkurs nicht begründet und dubios war, so hat er doch für Aufsehen gesorgt, die Mischung aus Abwesenheit am Wahltag, Bali und Konkurs hat die verlorenen hundert Wähler sehr leicht und stimmig erklärt. Immerhin hat es noch für 5 Sitze im Gemeinderat gereicht, und man durfte gespannt sein, wie sich die Bürgerliste weiter entwickelt.
Sie haben nichts gemacht, aber zumindest haben sie nichts verhindert, so die Zusammenfassung eines wohlwollenden Deiner Kollegen aus dem Gemeinderat am Stammtisch eines Heurigen, knapp vor der Wahl. Diese Einschätzung deckt sich ziemlich genau mit der öffentlichen Wahrnehmung, bei der man sich gefragt hat, ob es die Liste überhaupt noch gibt. Aber ja doch, ein paar Tage vor der Wahl fand sich in den Postkästen des Dorfes ein Folder mit einem gut retuschierten Foto Deinerseits auf der Vorderseite, der Kandidatenliste auf der Hinterseite, und mitten drinnen ein paar Floskeln, wobei erfreulicherweise angemerkt werden muss, dass die Wählerschaft nicht mit irgendeinem Programm belästigt wurde, im Gegensatz zur bürgerlichen Mehrheitsfraktion, die als Programm für die nächste Periode den Ankauf eines neuen Feuerwehrautos auf ihren Folder geschrieben hat, was niemanden besonders überrascht, wenn die beiden Spitzenkandidaten Kommandanten der Feuerwehr sind, da weiß man wenigstens gleich, wo die Gemeindeabgaben hingehen. Im Übrigen waren die restlichen Floskeln auf beiden Folder eins zu eins austauschbar, was die allseitige Ideenlosigkeit betreffend die Zukunft und Positionierung des Dorfes sehr schön dokumentiert, die Sozialisten und die Freiheitlichen haben sich einen Folder überhaupt gleich gespart, man weiß ja ohnehin, wofür sie stehen.
Es war also die Frage beantwortet, ob es die Liste noch gibt, blieb nur die Frage offen, wie viele Stimmen eingesammelt werden können, immerhin 101, was etwa die Halbierung des schlechten Ergebnisses der Wahl vor fünf Jahren war. Wie immer und überall im Leben kann man die Geschichte aus zwei Seiten betrachten, ein sensationell gutes Ergebnis im Verhältnis zum betriebenen Aufwand, ein sensationell schlechtes Ergebnis im Verhältnis zur Größe der Bürgerliste unter Deinem Vorgänger.
Das Ergebnis der Wahl habe ich, wie es sich gehört, bei einem Heurigen erfahren, knapp bevor es offiziell verkündet wurde, natürlich wurde das Ergebnis herzhaft diskutiert, gewundert hat es niemanden. Es wurde moniert, dass Du den Ausschuss, dem Du vorsitzt, in fünf Jahren nur ein Mal einberufen hast, was ich nicht genau weiß, was stimmen kann oder auch nicht, was aber sowieso nicht so viel Interesse geweckt hat wie Dein neues Lebensmotto, vor einiger Zeit von einem Winzer launig auf den Punkt gebracht, Hubraum statt Wohnraum, großvolumige Motoren unter der Motorhaube, dafür ein kleinvolumiges Tiny-House unter dem Flachdach, wobei die Raunzer und Nörgler angemerkt haben, dass Du noch nicht eingezogen bist, weil Dein Haus noch nicht ans Kanalnetz angeschlossen ist, weil Du die Gebühr für den Kanalanschluss noch nicht bezahlt hast, dass Du deshalb noch nicht im Dorf angemeldet bist und ohne Wohnsitz im Dorf gar nicht zur Wahl hättest antreten dürfen, lauter solche Sachen wurden erzählt. Da war mir dann danach, einzuschreiten und diese Raunzereien und Nörgeleien abzustellen, wer weiß, ob das überhaupt alles stimmt, wo bleibt denn die positive Lebenseinstellung und der Blick in eine freudige Zukunft, wenn man sich nur um Bassena-Geschichten kümmert, und dabei völlig die Lebensfreude und das große Ganze vergisst. Ich habe mich auch daran erinnert, dass Du Deinen Lebensunterhalt einmal als Pompfüneberer verdient und immer launig davon erzählt hast, da liegt es für mich auf der Hand, dass Dir das Versenken und Begraben von Dingen ganz leicht von der Hand geht, sozusagen genetisch bedingt ist, Du daher für das Versenken der Bürgerliste die Idealbesetzung bist. Ich sehe das viel positiver als die meisten Dorfgenossen, das Dorf ist zu neun Zehntel bürgerlich, das geht sich in einem einzigen Verein sowieso nicht aus, wenn sich die bürgerliche Partei zerstreitet, keimt irgendwo eine Bürgerliste aus dem Boden und schwächt die Partei, jetzt schwächelt die Bürgerliste und erstarkt die Partei, die erstarkte Partei noch gar nicht aus Freudentaumel heraußen, streitet sie schon wieder, es wird eine neue Bürgerliste aus dem Boden sprießen und die alte ablösen, so ist immer was los im Dorf und in der Gemeindestube, und während wo anders Langeweile herrscht, gibt es an den Stammtischen des Dorfes immer etwas zu reden.
Ich habe mich auch daran erinnert, dass Du sowohl in der Eigenwahrnehmung als auch bis einem gewissen Grad in der Fremdwahrnehmung der Gemeindestier warst, und ich darf Dir in diesem Zusammenhang mitteilen, dass der vierte Teil meiner Romanserie 'La R***e de la Bastille' den Titel 'Der Gemeindestier' trägt, dass Du mich zu diesem Titel inspiriert hast und ich Dich daher in die Widmung des Buches aufnehmen werde. Du schließt damit an andere Sooßer an, denen ich ebenfalls, unter anderen, bereits ein Buch gewidmet habe, nämlich den ersten Teil 'Die Lieben und Leiden der Leonore', das den Weingütern Schwertführer 35 und 47, Schlager und Studeny gewidmet ist, wegen besonderer Verdienste um meine Inspiration, die durch deren Erzeugnisse doch immer wieder herzhaft gefördert wird.
Was jetzt den Gemeindestier im Roman betrifft, handelt es sich dabei um eine Liveshow in der R***e de la Bastille, bei der drei gut bestückte Bullen auf offener Bühne sich vor fachkundiger Jury herzhaft um Nymphomaninnen kümmern, um aus ihrer Reihe den Besten zu küren. Die Idee zu dieser Show stammt aus einem Skandalvideo, mit versteckter Kamera aufgenommen im Büro einer Autobahnraststätte an der Côte d'or, wo drei etwas ältere Dorfbullen sich aufrichtig bemüht um das sexuelle Wohlergehen der Leiterin der Raststätte kümmern. Das Ganze ist eingebettet in den Reigen, der sich in der R***e am Boulevard de la Bastille dreht, und in den wunderschönen Rahmen der Route des Grands Crus, die Gegend bekannt für die besten Pinot Noir, die Autobahnraststätte nicht weit entfernt von den Weingütern, die Napoleon mit seinen Lieblingsweinen beliefert hatten. Es versteht sich von selbst, dass ich Dir ein signiertes Exemplar des 'Gemeindestier' schenke, wenn es auf den Markt kommt, das sollte sich vor den Sommerferien noch ausgehen.
Viel Spaß für die neue Amtsperiode!
CFJ