01/09/2026
🇮🇹 kleine Geschichte aus Sardinien:
Der Januar ist bedeutungslos. Auf Sardinien begann das neue Jahr, zumindest nach alter Zeitrechnung, heute, am 1. September. Nicht umsonst trägt der Monat im Sardischen noch immer einen Namen, der diese Geschichte erzählt: Cabudanni, vom lateinischen Caput Anni, was „Jahresbeginn“ bedeutet.
Seine Ursprünge reichen bis in die byzantinische Zeit zurück. Der auf der Insel gebräuchliche Kalender legte den Jahresbeginn auf den 1. September und das Jahresende auf den 31. August fest. Dieser Brauch hielt sich lange Zeit, bis ins 16. Jahrhundert (als der Gregorianische Kalender eingeführt wurde), und war tief in der sardischen Agrar- und Viehzuchtgesellschaft verwurzelt.
Der September war daher nicht nur das Ende des Sommers. Er war eine Zeit des Übergangs: Ein neuer landwirtschaftlicher Zyklus begann, einige Ernten wurden eingebracht und die folgenden Aktivitäten geplant. In dieser Zeit wurden auch Verträge für Felder, Weiden und Arbeiten erneuert. Der Kalender folgte somit viel stärker dem Rhythmus des Landes als dem unserer Tagebücher.
Auch die Sprache bewahrt Spuren jener Welt. Die Namen der sardischen Monate sind oft mit Festen, Religion und landwirtschaftlichen Tätigkeiten verbunden: Juli beispielsweise wird in einigen Varianten mit „Treulas“ (Dreschen) assoziiert, während September genau „Cabudanni“ heißt.
Mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders im Jahr 1582 wurde der offizielle Neujahrstag auf den 1. Januar verlegt, doch die Erinnerung an das September-Neujahr blieb in der Kultur der Insel erhalten. Noch heute spiegelt Cabudanni eine alte Zeitauffassung wider: nicht als einfache Abfolge von Monaten, sondern als ständiger Wechsel von Aussaat, Ernte, Arbeit und Jahreszeiten.
Und vielleicht ist es kein Zufall, dass der September auch heute noch den Charakter eines Neubeginns hat: zurück zur Arbeit, Schulbeginn, Projekte werden nach dem Sommer wieder aufgenommen.
Für Sardinien hat der Neujahrstag daher auch ein anderes Gesicht. Nicht das des Feuerwerks, sondern das der Erde, die ihren Zyklus von Neuem beginnt. Und dieses Gesicht hat einen alten Namen: Cabudanni.