15/09/2026
Meine Zwillingsschwester war seit zehn Jahren tot, als mich am vergangenen Montag eine Zahnarztpraxis anrief und mir ganz beiläufig mitteilte, dass sie dort auf mich warte, damit ich sie abholen könne, weil der Akku ihres Handys leer sei.
Clara und ich waren schon immer unzertrennlich gewesen.
Als wir aufwuchsen, teilten wir fast alles miteinander – unsere Kleidung, unsere Freunde, unsere Geheimnisse und diese seltsame Verbindung, von der Menschen so oft sprechen, wenn sie Zwillinge beschreiben.
Manchmal wussten wir, was die andere dachte, ohne auch nur ein einziges Wort sagen zu müssen.
Doch dann, vor genau zehn Jahren, änderte sich alles.
Clara fuhr allein über eine dunkle, abgelegene Landstraße, als ihr Wagen plötzlich von der Fahrbahn abkam, einen steilen Abhang hinunterstürzte und in Flammen aufging.
Die Rettungskräfte hatten große Schwierigkeiten, das Wrack zu erreichen.
Als das Feuer schließlich gelöscht war, teilten uns die Behörden mit, dass kaum noch etwas übrig geblieben sei, das man bergen konnte.
Unsere Familie veranstaltete eine Beerdigung mit geschlossenem Sarg.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich neben diesem Sarg stand und das Gefühl hatte, als wäre mit Clara auch die Hälfte von mir begraben worden.
Lange Zeit danach wusste ich kaum, wie ich überhaupt weiterleben sollte.
Ich verbrachte Jahre in Therapie und versuchte zu akzeptieren, dass Clara nicht mehr da war.
Schließlich zog ich aus der Stadt weg, in der wir aufgewachsen waren, fand eine ruhige Arbeitsstelle und begann langsam, mir ein neues Leben aufzubauen.
Doch ich hörte nie auf, sie zu vermissen.
Der unerträgliche Schmerz veränderte sich mit der Zeit lediglich. Er wurde stiller, zu etwas, das ich lernte mit mir zu tragen.
Dann kam der vergangene Montag.
Der Morgen begann vollkommen gewöhnlich.
Ich saß am Küchentresen und beantwortete berufliche E-Mails, als plötzlich mein Handy klingelte.
Auf dem Display erschien die Nummer eines örtlichen Unternehmens, die ich nicht kannte.
Ich nahm an, dass es vermutlich eine Erinnerung an irgendeinen Termin war, den ich vergessen hatte, und ging ans Telefon.
„Hallo?“
Am anderen Ende meldete sich eine freundlich klingende Frau.
„Hallo, spreche ich mit Sarah?“
„Ja.“
„Wunderbar. Ich rufe aus einer Zahnarztpraxis hier in der Nähe an.“
Ich wartete darauf, dass sie weitersprach.
Dann sagte sie etwas, das mir augenblicklich das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Ihre Schwester Clara ist gerade bei uns. Sie hat eben eine Behandlung hinter sich und ist deshalb noch ein wenig benommen.
Leider ist ihr Handy ausgegangen, aber sie konnte sich an Ihre Nummer erinnern, weil Sie als ihre Notfallkontaktperson eingetragen sind. Sie wollte fragen, ob Sie sie abholen könnten.“
Mehrere Sekunden lang brachte ich kein Wort heraus.
Alles um mich herum schien zu verschwinden.
Die Küche.
Mein Laptop.
Der Verkehrslärm draußen.
Ich hörte nur noch mein eigenes Herz, das heftig gegen meine Brust schlug.
„Entschuldigen Sie“, flüsterte ich schließlich. „Wer, sagten Sie, ist bei Ihnen?“
Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen.
„Clara“, wiederholte die Empfangsdame, nun hörbar verwirrt. „Ihre Schwester. Sie sitzt direkt hier bei uns im Wartezimmer.“
Mein Magen verkrampfte sich.
Clara war seit zehn Jahren tot.
Ich war auf ihrer Beerdigung gewesen.
Ich hatte zehn Jahre damit verbracht, um sie zu trauern.
Mein erster Gedanke war, dass sich jemand einen grausamen Scherz mit mir erlaubte.
Vielleicht hatte irgendjemand den Namen meiner Schwester herausgefunden und hielt es tatsächlich für lustig, mich auf diese Weise zu quälen.
Dann fragte die Empfangsdame leise:
„Möchten Sie mit ihr sprechen?“
Meine Kehle schnürte sich zu.
„Ja.“
Ich hörte, wie das Telefon weitergereicht wurde.
Einige gedämpfte Stimmen waren zu hören.
Dann atmete jemand in den Hörer.
Und eine Stimme, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört hatte, sagte:
„Sarah? Bitte komm und hol mich ab.“
Mein ganzer Körper erstarrte.
Ich kannte diese Stimme.
Ich war mit ihr aufgewachsen und hatte sie jeden einzelnen Tag gehört.
Ich hatte diese Stimme als Kind neben mir lachen hören, als Teenager hatte sie mir Geheimnisse zugeflüstert, und ich hatte sie Abschied sagen hören, als ich meine Schwester zum letzten Mal lebend gesehen hatte.
Es war Clara.
Meine Hände zitterten so heftig, dass mir das Handy beinahe aus den Fingern glitt.
Ohne eine weitere Frage zu stellen, schrieb ich mir die Adresse der Praxis auf.
An die Fahrt dorthin kann ich mich kaum erinnern.
Ich weiß nicht mehr, wie ich an den Ampeln angehalten habe.
Ich weiß nicht mehr, wie ich eingeparkt habe.
Selbst daran, wie ich aus dem Auto gestiegen bin, habe ich kaum eine Erinnerung.
Das Einzige, woran ich mich deutlich erinnere, ist, wie ich durch die Türen der Praxis ging und die Tür zum Wartezimmer aufstieß.
Dann blieb ich wie angewurzelt stehen.
Denn nur wenige Meter von mir entfernt saß eine Frau, die genauso aussah wie die Schwester, die ich zehn Jahre zuvor begraben hatte.Fortsetzung im ersten K0mmentar 👇👇👇