Die Familie Dörr bewirtschaftet seit mehreren Generationen einen landwirtschaftlichen Betrieb in Gilsa. Als Hofnachfolgerin trete ich, Franziska Dörr, dieses Erbe nun an. Wie bei jeder Nachfolge vollzieht sich damit ein Wandel. Für mich war dabei der wichtigste Punkt, den Hof auf ökologische Wirtschaftsweise umzustellen.
In der Vergangenheit waren die Landwirtschaft und das Café Unternehmen, die ohne große Synergieeffekte gearbeitet haben. Die Hauptarbeitskräfte, Lothar Dörr und Jutta Schneider-Dörr, standen hinter beiden Unternehmen. Die Landwirtschaft war ein klassischer Familienbetrieb ohne festangestellte Fremdarbeitskräfte,.
Der Giesheuer hingegen ist mehr als nur Familienbetrieb, mehr als nur Café.
Erst einmal heißt das ökologische Landwirtschaft. Herz ist dabei die Kuhherde, die den Rhythmus vorgibt. Drumherum ein vielfältiger Ackerbau mit Freude am Ausprobieren neuer Kulturen. Daraus entsteht eine Direktvermarktung, die im Café mündet. Im Café wollen wir zeigen, dass unsere Art des Wirtschaftens nicht nur etwas mit den wichtigen Argumenten des Naturschutzes und der Nachhaltigkeit zu tun hat, sondern vor allem mit Genuss!
Es ist uns wichtig, wo möglich, mit Nachbarn zusammenzuarbeiten. Und kleine Unternehmen und Betriebe aus der Region, die ähnlichen Ansichten vertreten, zu unterstützen.
Die Krankheit meines Vaters spielt eine Rolle bezüglich es Zeitpunkts der Übernahme von Landwirtschaft und Café. Jedoch ist sie nicht der Grund für meine Entscheidung. Genauso wenig, wie man annehmen könnte, aus meinem beruflichen Werdegang, resultiere automatisch eine Hofübernahme.
Ich entscheide mich ganz bewusst für Gilsa und für den Hof, aus oben genannten Gründen. Und, weil es mich reizt, wie schon meine Eltern und Großeltern, die Leistungen der Vergangenheit in die Zukunft zu führen.
Landwirtschaft
In den nächsten Jahren werden wir rund 100 ha Fläche bearbeiten, es handelt sich um ca. 50 ha Acker und 50 ha Grünland. Der Fokus wird auf dem Futterbau liegen, neben dem Grünlandaufwuchs werden wir auch Kleegras und Landsberger Gemenge als Futter für die Kühe nutzen. In unserer vielfältigen Fruchtfolge wird es nicht nur Weizen, sondern auch Gerste, Hafer und Roggen geben. Des Weiteren werden wir Erbsen und Bohnen anbauen. Die blühen wunderschön, sind tolles Futter und als Leguminosen die Stickstoffgaranten. Außerdem Raps, der in der Ölmühle Chattengau in Fritzlar-Dorla verarbeitet wird. Ansonsten versuchen wir uns mit Zucker- sowie Futterrüben für unsere Kühe. Auf kleiner (bzgl. des Hackens: großer) Fläche gibt es, wie in den letzten zwanzig Jahren auch schon, Blumen zum Selberschneiden - und für eine üppige Deko im Café. Ein paar Kartoffeln gibt es natürlich auch. Und dann werden wir uns in den nächsten Jahren ausprobieren. Blühende Landschaften sind uns ein Anliegen!
Das größte Giesheuer Projekt ist wohl der Bau des neuen Kuhstalls. Wir freuen uns, dass unsere Kühe 2019 aus der Anbindehaltung ausziehen können und einen mit viel Gehirnschmalz und verrückten Ideen geplanten Kuhstall vorfinden werden. Da wir finden, dass Heu besser riecht und mehr Spaß macht (bei der Ernte, bei der Lagerung, im Stall, vor der Kuh und auch, wenn es wieder aus ihr herauskommt), wollen wir eine Heutrocknung bauen. Nur so ist es uns möglich, auch in Jahren, in denen das Wetter Kapriolen schlägt, die Futtergrundlage für den Winter sicherzustellen. Neben den Milchkühen bleiben auch alle geborenen Kälber auf dem Betrieb und gehen entweder in die Nachzucht oder werden gemästet. Da wir unsere Kälber muttergebunden aufziehen, wird im Stall viel Wert auf den Kontakt zwischen den Generationen gesetzt. Das bedeutet Liegeflächen, die mit Stroh eingestreut sind, und einen großen Laufhof für genügend Bewegung und Sonnenschein auf der Nase, auch im Winter. Im Sommer werden die Kühe nur zum Melken in den Stall kommen, die restliche Zeit grasen sie auf den Schwalm-Wiesen und auf Flächen um den Stall herum. Gerade versuchen wir mit anderen Landwirten, wo es geht und Sinn macht, Flächen zu tauschen, damit wir mehr hofnahe Flächen haben, die wir gegebenenfalls als Weideflächen nutzen können. Auch ein paar Schweine werden im neuen Stall untergebracht. Und ein paar Ziegen. Und Schafe. Und Hühner. Und zwei Gänse. Über deren wirtschaftlichen Nutzen kann man sich dann streiten. Über den psychologischen nicht. Im Alltag lässt einen die lustige Interaktion zwischen den Tierarten häufig schmunzeln. Oder wie reagieren sie auf Hühner, die auf Kühen sitzen?
Café
Wie schon beschrieben, sehen wir das Café als Ort für Direktvermarktung und Genuss. Kaffeespezialitäten kann man mittlerweile an jeder Tankstelle kaufen. Und für Kuchen gibt es doch den Bäcker oder? Das Angebot im Café soll sich davon zukünftig noch mehr abheben. Die Kunst wird darin liegen, Gutes und Bewährtes, wie den selbstgebackenen Kuchen, weiterhin anzubieten, das Sortiment aber peu a peu zu ergänzen. Egal ob die Milch unserer Kühe, Wurstwaren unserer Tiere oder die Äpfel vom Baum aus dem Garten. Den Kaffee aus einer Rösterei in Gudensberg, das Öl aus der Ölmühle in Dorla, oder der Käse vom Kellerwaldhof. Das alles wird man schmecken. Wir legen Wert auf regionale, saisonale und ökologische Produkte. Dabei spielen Siegel aber nur eine untergeordnete Rolle. Für uns sind die Menschen, deren Konzepte und Ideen, die dahinter stecken, interessant. Diese müssen für uns vertretbar sein. Nicht zu vergessen ist, dass Genuss Zeit braucht. Wir wollen uns nicht abhetzen im Café, denn Stress vermindert Genuss. Der frische Hefeteig braucht Zeit zum Gehen, ein guter Espresso ist nicht in zwei Sekunden gebrüht. Damit auch Hintergründe beleuchtet werden, wollen wir im nächsten Jahr Wein und Bier Proben, im Beisein von Winzern und Brauern, anbieten. So soll der Bogen zwischen Produktion und servierfähigem Produkt gespannt werden und ein Verständnis für die sorgfältige Auswahl unseres Angebots geschaffen werden.
Ferienwohnung
Wenn ich irgendwo (außerhalb Hessens) erzählte , ich käme aus Nordhessen, erhielt ich meist zur Antwort:
„Ach, Frankfurt und so“.
-Nein, nicht Frankfurt. NORDhessen. Kassel und so.
„Ach die Kasseler Berge.“
Gut, Viele haben sich also schon einmal auf der Autobahn gequält, oder sind in Wilhelmshöhe umgestiegen. Aber über Land gefahren, im Kellerwald gewandert, die Weite genossen oder die Besonderheiten kleiner Dörfer entdeckt, das haben die Wenigsten. Das eine sind die „Touristen“, denen wir zeigen wollen, dass man in Nordhessen wunderbar Urlaub machen kann. Das andere sind die, die anreisen, weil die Großeltern Goldene Hochzeit feiern, oder der Goldfisch Geburtstag hat. Die kommen nun zurück in die Heimat und übernachten im ehemaligen Kinderzimmer oder dem neuen Bügelzimmer. Die stellen dann fest, dass man früher irgendwie besser in das Bett gepasst hat. Als man noch keine Freundin hatte. Und auch noch keine drei Kinder. Für genau die wollen wir einen netten Ort für die Reise nach Hause bieten. (Und die passenden Abendveranstaltungen....siehe Giesheuerland).
Während wir noch in diesen schönen Gedanken schwelgten, stand dann ein altes Fachwerkhaus in Gilsa zum Verkauf. Vier Wohnungen, von denen drei fest vermietet sind, und eine frei wurde. Kurzum - wir kaufen das Haus und richten noch diesen Winter in der freien Wohnung eine Ferienwohnung ein. In einem Gutachten steht, die Räume seien verschachtelt, eine Zentralheizung existiere nicht. Ersteres finden wir sympathisch. Den Holzofen in der Küche muss allerdings ein weiteres Heizsystem unterstützen. Wer will, kann dann auch im Café frühstücken. Oder lässt sich frische Produkte vom Hof zur Ferienwohnung bringen.
Giesheuerland
Viele junge Menschen (wie ich) können den Moment gar nicht erwarten, an dem sie endlich die „Provinz“ verlassen dürfen. Aber auch für junge Menschen hat die Region etwas zu bieten. Zusätzlich zum Café wollen wir das alte Häuschen im Garten zu einer Draußen-Bar, Bühne für Konzerte und Lesungen etc. umbauen. Dadurch schaffen wir uns selbst Raum für das Realisieren und Ausprobieren unserer verrücktesten Ideen.Wir stellen uns vor, im Sommer dort in Hängematten zu liegen oder am Feuer zu sitzen, unbekannte Bier- und Limo-Sorten probieren zu können. Jemand nimmt sich die Gitarre, die herumliegt und fängt an zu klimpern. Im Hintergrund plätschert die Gilsa. Und am Ende des Abends werden die Gäste mit dem Giesheuer-Sammeltaxi wieder sicher nach Hause gebracht.
Recht auf Genuss?
Für die nächsten Jahre haben wir uns viel vorgenommen. Das größte Projekt ist wohl der Kuhstallneubau, der 2019 ansteht. Bis dahin liegt unser Fokus allerdings auf der Weiterentwicklung des Cafés und dem Ausbau von Ferienwohnungen.
Für all diese Projekte brauchen wir Startkapital. Das ist eine ganze Menge, die wir jedoch nicht in private Vergnügungen stecken, sondern stattdessen nutzen, um ein ökologisches-handelndes , Kunst und Kultur förderndes, Landflucht-verhinderndes, Region-belebendes, Arbeitsplätze schaffendes und Freude bringendes Zukunftsunternehmen zu entwickeln.
Dies klingt nach wahnsinnig viel Idealismus. Da wir nicht umhinkommen, uns für einen Großteil der Projekte Geld bei der Bank zu leihen, mussten wir unser Konzept auf Realitätsbezug prüfen lassen. Wie auch bei der Entwicklung der Pacht- und Übergabeverträge mit meinen Eltern, ließen wir uns dabei professionell beraten.
Die gegenwärtige Situation wurde überprüft und eine Prognose für die Zukunft erstellt. Vorzulegen haben wir einen Stapel Papier. Tabellen, Zahlen, Daten, Fakten. Investitionen, viele Ausgaben, die irgendwo in der Tabelle auch ihren Gegenwert in Form von Einnahmen haben. Das ist notwendig. Allerdings fragen wir uns, welche Einnahmen denn der Apfelbaum im Kuhstall-Laufhof bringt, das Sumpfpflanzendach, der Schaukelstuhl für die Ferienwohnung, oder sogar das Giesheuerland.
Für uns sind all diese Dinge wichtig, denn sie geben dem Betrieb unsere Handschrift und machen ihn bunt. Rund wird es allerdings erst, wenn sich, neben uns, auch andere Menschen mit dem Betrieb verbunden fühlen. Auf dem Hellweghof ist dies mithilfe von Genussrechten gelungen. Freunde, Bekannte oder auch Marktkunden, die die Idee unterstützenswert fanden, konnten finanzielle Anteile im Wert von je 1000 Euro zeichnen. Damit konnten Projekte wie der Bau eines Außenbereichs für die Schweine realisiert werden. Die Zinsen für die Genussrechte werden in Naturalien ausgezahlt, sodass automatisch ein großer Kundenstamm Interesse an den Produkten hatte. Außerdem konnten die „Genussrechtler“ direkt vor Ort sehen, wo ihr Geld wirkt. Sie sind so zu Mitgestaltern geworden. Das wollen wir nun auch für den Giesheuer umsetzen und eine Summe von 60.000 Euro in dieser Form sammeln. Ein Genussrecht (minimale Zeichnungssumme) beträgt 500 Euro. Eine Person kann maximal 5000 Euro zeichnen. Die Laufzeit erstreckt sich über 5, 10 oder 15 Jahre. Die Zinsen betragen 3 % und werden in Warengutscheinen ausgegeben. Mehr Informationen dazu, sowie die Genussrechtsformulare können angefordert werden.
Natürlich hat nicht jeder die finanziellen Mittel, um sich auf diese Weise an der Gestaltung des Hofs zu beteiligen. Man darf jedoch gern auf andere Weise teilhaben: Beim Beerenstäucher einbuddeln oder Obstbäume schneiden, beim Fahrräder reparieren oder Gardinen nähen. Die Organisation einer Veranstaltung im Giesheuerland übernehmen, oder Pizza backen, eimal pro Woche.
Und, sind Sie jetzt NEUGIERIG ?
Franziska Dörr, Gilsatalstr. 27, 34599 Neuental, 0176 47302068, [email protected]