23/08/2026
Gestern war Steillagentag.
Das Weinhaus Wesenbach ist eine Genossenschaft. Nur keine Winzergenossenschaft im klassischen Sinne. Hier haben sich nicht Winzer zusammengeschlossen, um gemeinsam Wein zu erzeugen und zu vermarkten. Sondern Menschen mit ganz unterschiedlichen Berufen, Erfahrungen und Blickwinkeln, die beschlossen haben, sich gemeinsam für Weinberge und Kulturlandschaft zu engagieren.
Man könnte das ein innovatives Modell gesellschaftlicher Partizipation nennen. Gemeinschaftliches Eigentum. Bürgerengagement. Vielleicht sogar Crowdfunding. Nur ohne „Crowd“. Ohne Szene, Kiez, ohne Matcha Latte und Tischkicker. Was das tatsächlich bedeutet, versteht man ohnehin besser im Weinberg als in einer Präsentation.
Gestern haben wir uns also in einer unserer Steillagen getroffen. Nicht zur Sitzung. Sondern zum Arbeiten. Die Traubenzone musste entlaubt werden. Von Hand. Also standen wir gemeinsam im Hang, Reihe für Reihe, Rebstock für Rebstock. Menschen, die ihren Alltag sonst in Unternehmen, Büros oder ganz anderen Zusammenhängen verbringen. An diesem Tag hatten alle dieselbe Arbeit vor Augen. Und dieselben Reben in der Hand. Man lernt dabei einiges. Zum Beispiel, wie lang eine Rebzeile werden kann. Wie wenig romantisch Steillage ist, wenn man mittendrin steht. Und wie schnell abstrakte Begriffe wie Handarbeit, Kulturlandschaft oder Weinbau eine ziemlich konkrete Bedeutung bekommen. Wir haben gearbeitet. Gemeinsam gegessen. Geredet und einander zugehört. Erfahrungen ausgetauscht, Gedanken weitergesponnen, unterschiedliche Perspektiven kennengelernt.
Später ging es in den Keller. Dort haben wir Fassweine aus dem vergangenen Jahr probiert. Weine auf ihrem Weg. Noch nicht fertig, noch nicht auf Wirkung gebracht. Man schmeckt, diskutiert, wartet, probiert noch einmal. Man reserviert ein halbes Fass oder ein viertel. Auch das ist eine Form des Zuhörens. Und irgendwann wurde aus dem Arbeitstag ein Abend. Und aus dem Abend ein Fest.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Idee des Weinhauses Wesenbach. Menschen beteiligen sich nicht einfach an einem Unternehmen. Sie beteiligen sich an einer Sache. Mit Kapital, selbstverständlich, aber auch mit Wissen, mit Erfahrung, mit Beziehungen, mit Zeit, mit Gedanken und manchmal ganz schlicht mit zwei Händen. Das verändert den Blick. Wer selbst ein paar Stunden in einer Steillage gearbeitet hat, schaut anders auf eine Flasche Wein. Und vielleicht auch auf die Landschaft, aus der sie kommt.
Plötzlich stellt sich eine Frage, die weit über Wein hinausgeht: Was lohnt sich eigentlich?
Lohnt sich eine Steillage, die sich der Mechanisierung widersetzt? Lohnt sich Handarbeit, wenn sie Zeit kostet? Lohnt es sich, Kulturlandschaften zu erhalten, deren Wert in keiner Bilanz vollständig auftaucht? Und was bedeutet dieses „Lohnen“ überhaupt? Wir sind es gewohnt, darauf ziemlich schnell eine Antwort zu geben. Aufwand auf die eine Seite, Ertrag auf die andere, was übrig bleibt, entscheidet. Ein Tag wie gestern bringt diese einfache Rechnung ein wenig durcheinander. Denn Landschaft hat einen Wert, Gemeinschaft auch, Wissen, das weitergegeben wird, Erfahrung, die geteilt wird, ein Weinberg, der bewirtschaftet bleibt, ein Gespräch zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. All das lässt sich nur schwer in eine Excel-Tabelle schreiben. Es ist trotzdem da.
Vielleicht ist das die eigentliche Rendite dieser Genossenschaft: dass Menschen Verantwortung nicht delegieren, sondern teilen. Dass sie nicht nur darüber sprechen, was erhalten werden sollte, sondern hingehen und anfangen. Reihe für Reihe, Rebstock für Rebstock. Nicht alles, was sich rechnet, ist wertvoll. Und nicht alles, was wertvoll ist, lässt sich ausrechnen.